Mittwoch, September 30, 2020

Aktioun Erzéiung

GRÜNDUNG DER “AKTIOUN ERZÉIUNG”, WIESO?
Die politischen Parteien werden nicht müde, in ihren Wahlprogrammen oder anderswo wiederholt zu unterstreichen, dass Bildung und Erziehung ein Hauptwirkungsfeld in ihrer Arbeit darstellt. Aussagen wie: „Von Bildung und Erziehung hängt unsere Zukunft ab“ oder „Jedes gescheiterte Kind ist ein Verlust für unsere Gesellschaft“ sind in aller Munde. 

Die Gründungsmitglieder der „Aktioun Erzéiung“ stellen jedoch in ihrer täglichen Arbeit fest, dass sowohl die Erziehung der Kinder, als auch die Arbeit mit Jugendlichen oder älteren Mitmenschen und Behinderten, nicht mit der allgemeinen Entwicklung in unserer Gesellschaft Schritt hält. Die in den letzten Jahren eingeführten Reformen, sei es in Punkto Erziehung („maisons relais“) oder in Punkto Bildung (neues Schulgesetz), sind auf jeden Fall Schritte in die richtige Richtung. Wir bewerten allerdings diese Reformen als Flickwerk, dem das zu Grunde liegende gesellschaftliche Wertefundament fehlt bzw. abhanden gekommen ist. Anstatt über die gesellschaftlichen Veränderungen aktiv zu diskutieren, reagieren die politischen Parteien nur auf den aufkommenden gesellschaftlichen Druck, um ihre Wählerschaft bei der Stange zu halten.

Dies liegt, besonders in Luxemburg, nicht an den fehlenden notwendigen finanziellen Ressourcen, sondern an dem mangelnden  allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung. Dieser Mangel an Reflektion und Annahme für die tatsächlichen Probleme unserer Zeit in breiten Teilen der Öffentlichkeit spiegelt sich dann auch logischerweise in unserer politischen Klasse wieder.

ERZIEHUNG, BILDUNG UND SOZIALES GEHÖREN AN ERSTE STELLE DER POLITISCHEN UND GESELLSCHAFTLICHEN PRIORITÄTENLISTE
Wirtschaftwachstum, Finanzkrise, Wettbewerbsfähigkeit sind ebenfalls in aller Munde. In unserem kapitalistischem System, das überdies auch an seine Grenzen stößt, sind diese Themen selbstverständlich wichtige Kriterien für ein gedeihendes Gemeinwohl. Wir sollten jedoch nicht dem Trugschluss aufsitzen, dass nur Geld alleine uns glücklich machen würde und ein ausgeglichener Finanzhaushalt reichen würde um uns als Gesellschaft weiterentwickeln zu können.

Die „Aktioun Erzéiung“ ist der Meinung, dass hier die Prioritäten in der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung falsch gesetzt sind.

Wie kann es zum Beispiel sein, dass bei Rundtischgesprächen über die Finanzpolitik die erste Garde unserer Politiker sich berufen fühlt, zu den entsprechenden Themen Stellung zu beziehen, wogegen bei Diskussionsrunden betreffend das Thema Erziehung, die Parteien politisch Verantwortliche entsenden, von denen jeder weiß, dass sie in den richtungsgebenden Gremien der Politik nicht über den nötigen Einfluss verfügen?

Dieses Beispiel zeigt, dass der Erziehung nicht den nötigen Stellenwert in Politik und Gesellschaft entgegengebracht wird. Dies zu ändern und weiterzuentwickeln ist der Auslöser wieso die Gründungsmitglieder sich entschlossen haben die „Aktioun Erzéiung“ ins Leben rufen. 
   
Für die Weiterentwicklung der Erziehungs- und Bildungspolitik benötigen wir alle zusammen eine faire und offene Streitkultur innerhalb breiter Teile unserer Gesellschaft. Ohne diese bewegen wir uns nur an der Oberfläche und über kurz oder lang werden wir, ergänzend zu den bestehenden Herausforderungen, mit erheblichen soziologischen, gesundheitlichen und finanziellen Problemen konfrontiert werden.  

ZIELE DER „AKTIOUN ERZÉIUNG“
Hauptziel und Motivation für unser Engagement innerhalb der Gesellschaft bestehen darin, einen Paradigmenwechsel des gesellschaftlichen Bewusstseins innerhalb der Bevölkerung in Punkto Erziehung herbeizuführen. Ein hehres Ziel, jedoch kommen wir hierzulande nicht umhin, uns den drängenden Fragen unserer Zeit zu stellen.

Die „Aktioun Erzéiung“ versteht sich als politisch und ideologisch neutrale Plattform, die alle politischen Akteure, Gewerkschaften und sonstige engagierte Mitglieder aus der Zivilgesellschaft dazu einlädt, eine tiefgreifende gesellschaftliche und faire Diskussion über Erziehung und Integration im Sinne des sozialen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen. Eine Wertediskussion innerhalb der Gesellschaft ist im Hinblick auf unser Ziel unerlässlich, denn wie stellte unlängst unser Premierminister sinngemäß klar: „Es ist nicht alleine das Geld was zählt“.

PÄDAGOGISCHE BERUFE IN TIEFER KRISE*
Die pädagogischen Berufe befinden sich in einer tiefen Krise. Der reformpädagogische Elan der sechziger und siebziger Jahre, der die Kinder und Jugendlichen von den traditionellen Erziehungsmächten emanzipieren und die Gesellschaft humaner einrichten wollte, ist verflogen. Neue, wieder motivierende pädagogische Leitmotive sind nicht in Sicht. Die Ursachen für die Krise des professionellen pädagogischen Selbstverständnisses sind sicher vielfältig und können hier nicht ausführlich behandelt werden.

Eins steht fest, die politisch und normative Pluralisierung der Gesellschaft und die daraus notwendigerweise erwachsene „Individualisierung der Lebensläufe“, so begrüßenswert wie sie auch immer sei, hat dazu geführt, dass Erziehung heute eher ein willkürliches Auswählen aus den multiplen  Verhaltensstandards innerhalb der Gesellschaft darstellt. Wir haben uns von dem einen Extrem der gesellschaftlichen restriktiven Werteschöpfung hin zum dem anderen Extrem des „anything goes“ entwickelt.

Aus diesem Grunde und weil die Tendenz innerhalb der Gesellschaft schon länger in die Richtung geht, die Erziehungsaufgaben von der Familie auf den Staat oder die Gemeinde zu übertragen, ist das pädagogische Handeln heute weit bedeutsamer als zuvor in Zeiten kollektiver Geschlossenheit.

Was wir brauchen, auch in Luxemburg, ist eine Vorstellung vom Gesamtprozess der Sozialisierung, um unsere Interventionen präzisieren und begründen zu können. Dies können wir nicht leisten, dies muss die Gesellschaft als Ganzes tun, nach dem Motto: Was ist uns wirklich wichtig? Für welche Werte stehen wir?

*    teilweise eingearbeitete Zitate aus Publikationen von Prof. Dr. Herrmann Giesecke, Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik, pädagogische Hochschule Göttingen/D

WORIN BESTEHT DER ANGESTREBTE PARADIGMENWECHSEL?
Ein Paradigmenwechsel, ob nun in der Kinder- Jugend- Alten- oder Behindertenarbeit, besteht unserer Meinung nach vorrangig darin, die Bedürfnisse der uns anvertrauten Menschen zu erkennen und diese dann auch zu erfüllen. Um dieses Ziel zu erreichen, rufen wir dazu auf, die bestehenden Probleme in unserer Gesellschaft an der Wurzel zu packen und nicht nur oberflächige Kosmetik zu betreiben.

Leitfaden für die Umsetzung dieses dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskurses sind die UN-Kinder- und Jugendrechtskonvention sowie eine etwaige Seniorencharta für ältere Menschen.


Einige kurze praktische Beispiele:

IN DER KINDER- UND JUGENDARBEIT
„Von der Fokussierung auf Leistung zur stärkeren Betonung sozialer und emotionaler Aspekte.“
Hier hat die Regierung mit der rezenten Reform des Schulgesetzes den richtigen Weg eingeschlagen. Verordnungen und Gesetze alleine reichen jedoch nicht aus. Diese werden von Menschen ausgeführt und mit Leben erfüllt. Neue Konzepte müssen erst einmal die Köpfe und die Herzen der Menschen erreichen. Alle zusammen sollten wir dies als Herausforderung und nicht als uns aufgebürdete Pflicht sehen.

Weitere Probleme entstehen dadurch, dass wir zum Beispiel bei den „maisons relais“ falsch aufgestellt sind. Erziehung in der Schule, in den „maisons relais“, in den Vereinen usw. ist immer als Ganzes zu sehen, auch wenn punktuell interveniert wird. Es ist beispielsweise ein Unding, dass nach wie vor zwei Ministerien (Erziehung und Familie) sich für Schule bzw. „maisons relais“ zuständig erklären.

Die aktuelle schwerwiegende Tendenz, dass immer mehr Kinder und Jugendliche verhaltensauffällig sind, spricht auch Bände über den Zustand unserer Gesellschaft. Sollte nicht dieses Thema mit all seinen Facetten auf der Tagesordnung stehen, da dieses Problem ganz einfach unsere Zukunft in Frage stellt?

Es ist wahr: Bevor wir uns als verantwortliche Erwachsene diesem Thema mit der gebotenen Gründlichkeit widmen können, müssten wir den Mut aufbringen, mit uns selbst ins Gericht zu gehen. Sind die Kinder und Jugendlichen nicht Spiegelbild unserer aktuellen Verhaltensregeln und werden wir unserer Verantwortung gerecht, wenn wir so tun, als kämen wir zu all diesen  „neuzeitlichen Erscheinungen“ wie die Jungfrau zum Kinde?  Es ist sehr bedauerlich, dass dieser gesamte Komplex in der Tagespolitik nahezu inexistent ist.

Suchtproblematiken wie Alkohol, Nikotin und harte Drogen aber auch der unbedingte materialistische Drang dazugehören zu wollen (Kaufsucht), tun ihr übriges zur Destabilisierung unserer Zukunft. In unserer täglichen Arbeit müssen wir immer öfter feststellen, dass, obwohl wir vorgeben die Persönlichkeit jedes einzelnen fördern zu wollen, die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen mehrheitlich von diversen Medien (Fernseher, Computer usw.) manipulativ gesteuert wird. Kern der Sache ist die zunehmende kommerzielle Ausrichtung unserer Lebensweise, deren Konsequenzen besonders in der Erziehungsarbeit gnadenlos offenbart werden.  

IN DER ERWACHSENARBEIT

Die Menschen in unserer Gesellschaft werden aus diversen Gründen immer älter. Ein Blick auf unsere Alterspyramide spricht auch hier Bände. Wir stehen diesbezüglich vor riesigen Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten.

Auch hier gilt es Akzente zu setzen und sich diesem Thema tiefgreifend zuzuwenden. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Pflegeplätze in Luxemburg so selten sind, wo doch hier Menschen ihren Lebensabend  genießen sollten, die ihren Sold angesichts eines langen Arbeitslebens für unsere Gesellschaft erfüllt haben? Ist es denn verantwortlich sie dann ins Ausland abzuschieben, getreu dem Motto: „der Mohr seine Schuldigkeit getan“?

Auch der Umstand dass die Altenpflege mittlerweile wie ein reines Businnessunternehmen verwaltet wird, zementiert nahezu wie wenig menschlich unsere Gesellschaft in der Zwischenzeit geworden ist.

Weiterer Punkt ist die Integration der behinderten Mitmenschen. Auch hier gilt es Schnittmengen auszuarbeiten um diese bestmöglich in unseren Alltag zu integrieren.
Alles hängt mit allem zusammen. Einmal gemachte Fehler in der Betreuung der Menschen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben. Deshalb sind wir zusammen in allen Bereichen gefordert.    

SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die Zeit ist definitiv reif, die übergreifenden Probleme in den sozialen und erzieherischen Bereichen in Angriff zu nehmen. Die wachsenden Probleme in den Institutionen sind hauptsächlich dadurch bedingt, dass über Jahre hinweg die gesellschaftlichen Veränderungen außer Acht gelassen wurden.

In sämtlichen Bereichen brauchen wir innovative Konzepte, die in enger Zusammenarbeit mit allen Beteiligten umgesetzt werden. Eine Kultur des Dialogs und der Kooperation in der sozialen und erzieherischen Arbeit trägt zwangsläufig zu mehr Transparenz bei.

Netzwerkarbeit zwischen den verschiedenen Einrichtungen (z.B. Schule/„Maisons relais“) auf kommunaler bzw. auf regionaler Ebene führt eine Dynamik herbei, die einen beträchtlichen Qualitätsgewinn mit sich ziehen wird.

Wenn wir nicht kollektiv blind gegen die Mauer laufen wollen, müssen wir uns aufraffen und gemeinsam in sämtlichen Sparten der Erziehungsarbeit, der Jugend- und Erwachsenenbetreuung, der Altenarbeit und der Behindertenbetreuung alles daransetzen, um im Sinne einer zukunftsorientierten und nachhaltigen Sozialarbeit im Interesse der Allgemeinheit zusammenzuarbeiten.

EINIGE EINGANGSSTATEMENTS
  1. Betreuung ist mehr als Aufbewahrung.
  2. Erziehung, Bildung und Betreuung bilden eine Einheit.
  3. Erziehung findet nicht nur in Schule und in der Familie statt.
  4. Jeder/Jede hat Recht auf eine angemessene Erziehung, Betreuung und Förderung.
  5. Erziehung, Förderung und Betreuung erfüllen einen entscheidenden gesellschaftlichen Auftrag.
  6. Betreuung von Minderjährigen ist mehr als Nothilfe und mehr als der erzieherische Restbereich neben Familie und Schule.
  7. Erziehungsarbeit in sozio-edukativen Einrichtungen, Schule und Familie sind Garanten für bessere Chancen für alle.
  8. Eine Wertediskussion innerhalb der Gesellschaft ist unabdingbar damit alle wissen wofür wir als Gesellschaft als Ganzes stehen.
  9. Nur durch konsequente Netzwerkarbeit innerhalb sämtlicher beteiligten Institutionen und engagierten Menschen der Zivilgesellschaft können wir uns den kommenden Herausforderungen stellen.

DIE GRÜNDUNGSMITGLIEDER
BERUFSORGANISATIONEN
APEG (Association Professionnelle des Educateurs Gradués)
APEL (Association Professionnelle des Educateurs Luxembourgeois)
LBSA  (Lëtzebuerger Beruffsverband fir sozial Aarbecht)

GEWERKSCHAFTEN
CGFP / ALEE (Association Luxembourgeoise des Educateurs et Educatrices)
FGFC / APSES – Association des Professions Socio-Educatives et de la Santé)
LCGB – Lëtzebuerger Chrëschtleche Gewerkschaftsbond (section santé et sociale)

ERSTE AKTIVITÄTEN
Angesichts der Komplexität der diversen gesellschaftlichen Themenbereiche plant die „Aktioun Erzéiung“ in den nächsten Monaten  die Organisation einer Konferenz für die professionellen Mitarbeiter in Sachen Erziehung, Bildung und Soziales mit anschließendem „Workshop“.

Hierbei wollen wir mit allen Beteiligten die Akzeptanz der hier vorgebrachten Thesen überprüfen, diskutieren und vorantreiben.

Vorrangig erstes Ziel ist die interne Diskussion der gegenwärtigen Stellungnahme sowie das Ausarbeiten von konkreten Formen der Zusammenarbeit mit allen engagierten Beteiligten der Zivilgesellschaft.

„AKTIOUN ERZÉIUNG“
23. SEPTEMBER 2010

Kontakt

  • Aktioun Erzéiung
    66, rue Baudouin
    L-1218 Luxembourg
    info@erzeiung.lu